Die Welt der Premium-Zigarren ist eigentlich ein Ort der Beständigkeit. Doch hinter den Kulissen herrscht derzeit massive Unruhe. Eine Transaktion, die vor fünf Jahren aufgrund ihres außergewöhnlichen Volumens für großes Aufsehen sorgte, steht heute im Zentrum eines internationalen Wirtschaftskrimis. Im Mittelpunkt: Der 38-jährige Chen Zhi und sein undurchsichtiges Firmenimperium, die Prince Holding Group.
Lange Zeit agierte er weitgehend unbemerkt im Hintergrund, doch inzwischen steht seine Rolle im Zentrum einer Entwicklung, die große Teile der Branche vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Vom Mega-Deal zum Mega-Knall: Eine Chronologie
Um zu verstehen, warum die Lage so brenzlig ist, müssen wir kurz zurückspulen. Bis 2020 hielt der britische Tabakriese Imperial Brands alle Trümpfe in der Hand. Die Briten besaßen das Erbe der spanisch-französischen Altadis – inklusive der Fabriken und der wertvollen 50 % Anteile an Habanos S.A.
Doch im April 2020, mitten in der Pandemie, wollte Imperial Brands Schulden abbauen und stellte das Premium-Geschäft zum Verkauf. Im Oktober 2020 schlug ein damals noch mysteriöses Konsortium für 1,225 Milliarden Euro zu. Der Deal wurde zweigeteilt:
- Die US-Sparte (ca. 185 Mio. €): Die Firma Gemstone Investment Holding übernahm die Tabacalera USA. Damit kontrolliert sie den US-Vertrieb Altadis U.S.A., Online-Riesen wie JR Cigar und die Rechte an den US-Versionen von Weltmarken wie Montecristo, Romeo y Julieta und H. Upmann.
- Das „Rest der Welt“-Geschäft (ca. 1,04 Mrd. €): Die Allied Cigar Corporation sicherte sich das dicke Paket. Dazu gehören die 50 % an Habanos S.A., Anteile an weltweiten Importeuren (wie 5th Avenue in Deutschland), die Marke VegaFina und die riesigen Produktionsstätten Tabacalera de García (Dom. Rep.) sowie Flor de Copán (Honduras).
Lange blieb unklar, wer genau hinter diesen Firmen steckt. Erst Ende 2025 wurde der Name Chen Zhi für die breite Öffentlichkeit greifbar – und mit ihm die dunklen Wolken.
Der tiefe Fall eines Milliardärs
Im Oktober 2025 wendete sich das Blatt. Das US-Finanzministerium und britische Behörden setzten Chen Zhi und mehr als 100 seiner Firmen auf die Sanktionsliste. Zeitgleich beschlagnahmte das US-Justizministerium rund 127.271 Bitcoins, die damals einen Gegenwert von etwa 15 Milliarden US-Dollar hatten. Es handelte sich um die größte Vermögensbeschlagnahmung in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Im Dezember 2025 entzog ihm der kambodschanische König per Dekret die Staatsbürgerschaft. Damit war klar, dass sein politischer Schutzschirm verschwunden war.
Am 6. Januar 2026 wurde Chen Zhi schließlich in Kambodscha verhaftet und umgehend nach China ausgeliefert. Dort versteht man bei organisierter Kriminalität wenig Spaß, und in der Vergangenheit endeten Verfahren gegen die mutmaßlichen Drahtzieher solcher Netzwerke nicht selten mit extrem harten Strafen, bis hin zur Todesstrafe.
So erdrückend die Vorwürfe auch klingen, rechtlich stehen wir am Anfang eines Verfahrens. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Die Anklage liest sich dennoch wie das Drehbuch eines düsteren Wirtschaftskrimis. Die Ermittler sprechen von einer transnationalen kriminellen Organisation, die Chen Zhi aufgebaut und geführt haben soll. Im Zentrum stehen sogenannte „Pig-Butchering“-Betrugsmodelle, bei denen Opfern über Monate hinweg eine emotionale Beziehung vorgespielt wird, nur um sie anschließend in angebliche Krypto-Investments zu locken und finanziell auszunehmen.
Besonders schwer wiegen die Vorwürfe der modernen Sklaverei. Tausende Menschen sollen unter falschen Versprechungen nach Kambodscha gelockt, dort in bewachten Anlagen festgehalten und unter Gewaltandrohung gezwungen worden sein, diese Betrugsmaschen selbst durchzuführen.
Um die enormen Summen aus diesen Geschäften zu verschleiern, sollen laut Anklage die scheinbar legalen Teile des Imperiums gedient haben, darunter Banken, Immobilienprojekte und eben auch die Beteiligungen in der Zigarrenindustrie. Auf diese Weise sollen die Milliarden aus den Betrügereien systematisch gewaschen worden sein.
Die möglichen Auswirkungen
Die Sanktionen gegen Chen Zhi wirken in der Branche. In Europa sind die ersten Erschütterungen bereits spürbar. In Schweden wurde einem Habanos-Importeur die Lizenz entzogen, weil die Besitzverhältnisse rund um die beteiligten Firmen als nicht ausreichend transparent eingestuft wurden.
Noch dramatischer ist die Lage jedoch für die Fabriken in der Karibik. Da Chen Zhi auf der Sanktionsliste steht, dürfen US-Unternehmen wie Altadis USA oder JR Cigar keine Zigarren mehr von den Fabriken Tabacalera de García in der Dominikanischen Republik und Flor de Copán in Honduras beziehen. Damit brechen schlagartig ganze Vertriebswege weg.
Das Problem reicht allerdings weit über den reinen Verkauf hinaus. In der internationalen Finanzwelt gilt derzeit ein einfaches Prinzip: Niemand will Geld anfassen, das in irgendeiner Form mit Chen Zhis Firmen in Verbindung stehen könnte. Banken kündigen Konten, Geschäftsbeziehungen werden eingefroren, und neue Finanzierungen sind praktisch ausgeschlossen. Ohne funktionierende Bankverbindungen und ohne Kredite wird es jedoch extrem schwierig, überhaupt noch Rohmaterial einzukaufen oder laufende Kosten wie Löhne, Energie und Logistik zu decken.
Die Folgen sind bereits jetzt bitter. Zigarren von Marken wie VegaFina, Santa Damiana, Don Diego, Henry Clay sowie die US-Ausgaben von Montecristo und Romeo y Julieta stauen sich in den Lagern, weil die Ware nicht ausgeliefert werden darf und gleichzeitig kaum noch Geld in die Kassen kommt. In der Dominikanischen Republik und in Honduras mussten bereits Mitarbeiter freigestellt werden. Hinter jeder Zigarre, die wir rauchen, stehen Menschen und Familien, die nun unverschuldet in eine existenzielle Unsicherheit geraten sind.
Für Habanos selbst ist die Lage etwas anders gelagert. Kubanische Zigarren unterliegen in den USA seit Jahrzehnten ohnehin dem Embargo, sodass die aktuellen Sanktionen dort keine neue unmittelbare Wirkung entfalten. Die eigentliche Problematik liegt in der internationalen Wahrnehmung und in der Unsicherheit rund um die Eigentümerstruktur. Wenn 50 Prozent des weltweiten Vertriebskonzerns indirekt mit einer sanktionierten Person in Verbindung stehen, wird Habanos automatisch zu einem politischen und regulatorischen Risikofaktor – auch wenn der operative Betrieb zunächst normal weiterläuft. Genau deshalb gibt es hinter den Kulissen intensive Bemühungen, diese Beteiligung zu bereinigen.
Was heißt das für uns Aficionados?
Zunächst einmal: keine Panik, aber Aufmerksamkeit. Die Verfügbarkeit mancher Marken könnte in den kommenden Monaten unregelmäßiger werden. Vor allem aber steht auch das Image unseres Hobbys auf dem Spiel, wenn ein so großer Teil der Branche mit einem Namen in Verbindung gebracht wird, dem solch schwere Verbrechen vorgeworfen werden.
Die Zigarrenwelt steht nun vor der Aufgabe, dieses dunkle Kapitel so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Derzeit scheint der einzige realistische Ausweg ein erzwungener Verkauf der Beteiligungen zu sein. Man wird versuchen, Chen Zhi aus den Firmenstrukturen zu drängen, um die Sanktionen perspektivisch wieder loszuwerden. Nur so lassen sich die Arbeitsplätze in der Karibik sichern und die Zukunft vieler bekannter Marken stabilisieren. Ob Chen Zhi aus seiner Haft in China heraus dazu bereit oder überhaupt in der Lage sein wird, zu kooperieren, bleibt offen.
Wir bleiben an der Geschichte dran. Es bleibt spannend, wenn auch auf eine Art, auf die wir in der Zigarrenwelt gut hätten verzichten können.
